„Du dreckiges Kommunistenschwein!“, brüllte der Hilfsarbeiter Josef Bachmann, als er am 11. April 1968 um 16:35 Uhr in Berlin drei Schüsse auf einen Mann abfeuerte, der vielen als „Volksfeind Nr. 1“ galt: Rudi Dutschke, die charismatische Leitfigur der Studentenbewegung und Außerparlamentarischen Opposition (APO).
Die „Osterunruhen“ 1968
Noch am selben Abend versammelten sich vor dem Verlagsgebäude des Axel-Springer-Konzerns in Berlin-Kreuzberg Tausende von Studenten und anderen jungen Leuten. Die Springer-Presse, vor allem die „Bild“-Zeitung, hatte seit Monaten fast täglich in diffamierenden Artikeln gegen die „Polit-Gammler“ und „Radikalinskis'“ in der Studentenschaft gehetzt. Die „Berliner Morgenpost“ forderte 1967 sogar, die „Störenfriede auszumerzen“.
So war klar, dass sich die Wut der Demonstranten gegen den mächtigen Zeitungskonzern richtete. „Bild drillte, Bachmann killte“ riefen die Teilnehmer, die nur mit Mühe vom Eindringen in das Verlagshaus abgehalten werden konnten. In dieser Nacht kam es auch in Hamburg, Köln, München und weiteren Städten, in denen sich Springer-Niederlassungen befanden, zu Massendemonstrationen und Versuchen, die Auslieferung der Zeitungen zu behindern. Als „Osterunruhen“ sind diese Ereignisse in die Geschichte eingegangen – die größten Straßenschlachten, die man bis dahin in Westdeutschland und Westberlin gesehen hatte. In München wurde ein Fotoreporter durch einen Steinwurf getötet, ein Student durch eine Holzbohle.
1968 – ein Wendepunkt
Die Schüsse auf Rudi Dutschke markierten einen Wendepunkt in der Geschichte der Protestbewegung der späten 1960er Jahre. Während die Mehrheit auf einen „Marsch durch die Institutionen“ setzte, das heißt eine Veränderung der verkrusteten Strukturen in Gesellschaft und Staat mit friedlichen Mitteln, radikalisierte sich eine Minderheit der Außerparlamentarischen Opposition nach dem Anschlag. Etliche Mitglieder der Szene tauchten später in den Untergrund ab und schlossen sich der terroristischen „Rote Armee Fraktion“ an.
„Mythos 1968“
In welchem Maße der „Mythos der 68er“ Deutschland geprägt hat, ist noch heute ein vieldiskutiertes Thema. Zwar scheiterte der erhoffte „Marsch durch die Institutionen“ letztlich, doch gingen von der Protestbewegung Impulse aus, die nachhaltige Veränderungen auslösten, vor allem bei der Aufarbeitung der NS-Zeit, der Liberalisierung der Sexualmoral und der Akzeptanz von Bürgerinitiativen. Ohne das Vorbild der „68er“ hätte es die in den späten 1970er Jahren aufkommende Friedens- und Umweltbewegung in dieser Form sicher nicht gegeben.
„1968 und danach“ im Spiegel eigener Fotos
Als Schüler und Student zunächst in Kiel, ab 1971 in Hamburg, war ich Zeitzeuge mancher Aktionen. Und Chronist mit der Kamera. Zum Teil im Auftrag von Schüler- und Studentenzeitungen, später auch als freier Mitarbeiter des Magazins „Konkret“. Viele dieser zeitgeschichtlich relevanten Aufnahmen in meinem analogen Bildarchiv hatte ich nicht mehr in Erinnerung.
Eine Auswahl der Wiederentdeckungen zeige ich in den Galerien dieses Beitrages.
Am 19. Mai 1972 verübte die „Rote Armee Fraktion“ einen Bombenanschlag auf das Verlagsgebäude von Axel Springer in Hamburg. Das Attentat war Teil einer Serie von RAF-Aktionen im „blutigen Mai“ 1972.
Die Ausstellung „Zeitblende. Fotografien von Holger Rüdel“ ist vom 15. August (Eröffnung) bis 23. Oktober 2019 in der ver.di-Bundesverwaltung Berlin zu sehen.
Ein Tag in Moskau im Sommer 1970: Begegnungen mit freundlichen Menschen, die ihre Hoffnungen auf die beginnende Entspannung zwischen Ost und West setzten.
Alltagsszenen in Paris im August 1971, fotografiert nach dem Konzept der Straßenfotografie mit diskreter Kamera. Thema ist u. a. der historische Flohmarkt.
„Akteur und Beobachter zeigt bewegten Alltag“ lautet die Überschrift einer Rezension der Ausstellung „Zeitblende. Fotografien von Holger Rüdel“, erschienen in „M“, dem medienpolitischen Magazin von ver.di.
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