Ausstellung “Die innere Haut – Kunst und Scham”

Jamie © Bruce Gilden / Magnum Photos für Leica S Magazin
Jamie, aus der Serie Faces, 2014 © Bruce Gilden / Magnum Photos für Leica S Magazin

Das Museum Marta Herford eröffnet am 3. März 2017 eine Ausstellung zu einem Thema, das nahezu jeden Menschen berührt: Scham. Kaum ein anderes Gefühl wirkt so heftig auf Betroffene. Man errötet und möchte einfach im Erdboden versinken. Angesichts der weiten Verbreitung von Nacktbildern in den Medien scheint das Thema aktueller denn je. Doch lässt sich tatsächlich ein zunehmender „Schamverfall“ diagnostizieren, oder aber ist eher das Gegenteil zu beobachten? Mit sinnlichen, berührenden und auch humorvollen Beiträgen spürt die hochkarätig besetzte Ausstellung dem ebenso vertrauten wie schwer erklärlichen Phänomen nach.

Die Schau wird am 3. März eröffnet und läuft bis zum 4. Juni 2017.

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

Mit Werken vertreten sind u. a.: Ulf Aminde, François-Marie Banier,John Bock, Michaël Borremans, Louise Bourgeois, Miriam Cahn, Donigan Cumming, Berlinde De Bruyckere, Rineke Dijkstra, Marlene Dumas, Albrecht Dürer, Nezaket Ekici, Tracey Emin, EVA & ADELE, VALIE EXPORT, Gao Brothers, Josephine Garbe, Leigh Bowery / Fergus Geer, Toussaint Gelton (Kelton), Bruce Gilden, Nan Goldin, John Isaacs, Jamie Isenstein, Jürgen Klauke, Gustav Kluge, Eva Kotátková, Clemens Krauss, Oleg Kulik, Ulrike Lienbacher, Johannes Lingelbach, Sarah Lucas, Boris Mikhailov, Michael Najjar, Shahryar Nashat, Virgile Novarina, Yoko Ono, Oksana Pasaiko, Laure Prouvost, Jon Pylypchuk, Jan Symonsz Pynas, Lotte Reimann, Julian Rosefeldt, Lars Rosenbohm, Bojan Šarčevic, Gary Schneider, Mark Setteducati, Santiago Sierra, John Stark, Juergen Teller, David Teniers D.J., Miroslav Tichý, Larry Towell, Stefanie Trojan, Gillian Wearing, Erwin Wurm.

Ich freue mich, mit dem Hauptmotiv aus meiner Serie über einen antiautoritären Kinderladen in Kiel 1970 ebenfalls in der Ausstellung vertreten zu sein.

„Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar“ (Hugo von Hofmannsthal)

Die innere Haut – Kunst und Scham
Fast jeder kennt es – das unangenehme Gefühl, das entsteht, wenn man schutzlos den übergriffigen Blick eines Anderen ausgeliefert ist. Man möchte vor Scham am liebsten im Erdboden versinken. Das deutsche Wort Scham leitet sich von „skem“ ab, das mit der Bedeutung von „Verschwinden“ einhergeht und den Kern dieses Gefühls beschreibt. Als einer der heftigsten Affekte äußert sich die Scham aber nicht nur in dem Wunsch zu verschwinden, sondern paradoxerweise zugleich in der entgegengesetzten Tendenz, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dies wird am deutlichsten beim Erröten sichtbar: Die Haut reagiert auf einen inneren, seelischen Zustand und entblößt so gerade die verletzliche Seite des Beschämten.
Angesichts der weiten Verbreitung von Nacktbildern in Film oder Werbung und eines teilweise naiv hemmungslosen Exhibitionismus im Fernsehen oder im Internet scheint das Thema heute aktueller denn je. Scham entsteht aber nicht nur in sexuellen Zusammenhängen, sondern auch, wenn man meint seinen eigenen bzw. den gesellschaftlichen Ansprüchen nicht zu genügen. So können Schönheitsmakel, Armut oder soziale Ausgrenzung ebenfalls ein intensives Gefühl von Scham bzw. Fremdscham hervorrufen.
Die Ausstellung fragt danach, was heute (überhaupt noch) beschämt oder provoziert. Bedarf es angesichts dieser teils ungehemmten Freizügigkeit eines besonderen „Rüstzeugs“ oder kann das Zuschaustellen und Teilen von Intimitäten gar auf andere Weise ein Gefühl der Gemeinschaft erzeugen? Ist heute überhaupt tatsächlich ein zunehmender „Schamverfall“ oder aber im Gegenteil gerade wieder eine Zuspitzung der Schamhaftigkeit und Tabuisierung zu diagnostizieren? Und welche Rolle spielen KünstlerInnen in diesem Zusammenhang – als sensible Beobachter gesellschaftlicher Prozesse, radikale Provokateure oder selbstironische Grenzgänger?

(Auszug aus dem Einführungstext des Ausstellungskataloges, mit freundlicher Genehmigung des Museums Marta Herford)

 

 

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