„Zündet die Bruchbude an!“ – Jugendarrest in Hamburg 1971

Jugendarrestanstalt Hütten in Hamburg 1971 © Holger Rüdel
Die Jugendarrestanstalt war im ehemaligen Polizeigefängnis in der Straße Hütten in Hamburg untergebracht. Das 1971 entstandene Foto zeigt die Graffiti an den Wänden einer Zelle. © Holger Rüdel

Hamburg im Herbst 1971. Im Rahmen eines fotografischen Projektes an der Hochschule für bildende Künste hatte ich zusammen mit einigen Kommilitonen die seltene Möglichkeit, Aufnahmen in einer Jugendarrestanstalt der Hansestadt zu machen. Wir trafen uns vor einem düster wirkenden Backsteinbau in der Straße Hütten, einen Steinwurf vom Michel entfernt. Dass dieses Gebäude mit den vergitterten Fenstern früher als Polizeigefängnis gedient hatte, wussten wir damals nicht. Und es ging ja auch nicht um eine historische Spurensuche, sondern um eine Bilddokumentation der Gegenwart, um eine kurze Momentaufnahme des Alltags in dieser deprimierend wirkenden Jugendarrestanstalt: Zellen, Aufenthaltsräume und Insassen, ungeschönt fotografiert.

„Zündet die Bruchbude an!“ hatte ein Jugendlicher auf eine Zellenwand geschrieben. War dieser Spruch bezeichnend für die Stimmung der Insassen?

Als ich meine Bildserie kürzlich wiederentdeckte, war das Interesse geweckt, mehr über das Haus Hütten Nr. 42 und seine Nutzung zu erfahren.

Berüchtigtes Polizeigefängnis

Die Geschichte des Gebäudes begann 1858. In diesem Jahre wurde an der Ecke Hütten/Enckeplatz die „Hüttenwache“ erbaut, eine Polizeileitstelle mit einem Arrestlokal für kleine Straftäter. 1915 wurde das Gebäude erweitert. Schlagzeilen machte das Gefängnis erstmals in den 1920er Jahre, als es von Kritikern in der Hamburger Bürgerschaft als „übles Loch“ bezeichnet wurde. Das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Hauses begann 1933, wie eine Gedenktafel am Gebäude dokumentiert: „Unter der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933-1945 war sein Zellentrakt für viele Menschen, die als politische Gegner oder aufgrund der Rassegesetze verfolgt wurden, eine Station auf dem Weg in die Konzentrationslager. Wenn hohe Nazifunktionäre Hamburg besuchten, wurden Gegner des Regimes hier in ‚Vorbeugehaft‘ auf unbestimmte Zeit festgehalten.“ 1942 war der Widerstandskämpfer Helmuth Hübener für mehrere Monate in dem Gefängnis inhaftiert, bevor er im Alter von 17 Jahren in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.

Aber nicht nur politische Gegner des NS-Staates kamen hier hinter Gittern, sondern auch Menschen, die zum Beispiel wegen ihrer sexuellen Orientierung von den Nazis drangsaliert wurden.

Nach 1945: Jugendarrestanstalt und Wohnunterkunft

Endete die Nutzung als Polizeigefängnis bereits 1945? Und in welchem Zeitraum beherbergte das Gebäude die Jugendarrestanstalt? Das sind Fragen, auf die ich bei meinen Nachforschungen zu meiner Überraschung keine Antworten erhielt. Lediglich ein einziges im Internet zugängliches Dokument – eine Erläuterung der Hamburger Baubehörde vom 22. Mai 1978 zum Bebauungsplan Neustadt 30 – erwähnt beiläufig die Existenz einer Jugendarrestanstalt in dem früheren Polizeigefängnis Hütten. Selbst das Staatsarchiv Hamburg verfügt bislang über keine Dokumente, mit denen sich die Chronik des Hauses in der Nachkriegszeit rekonstruieren ließe. 

Heute dient das Gebäude als Gemeinschaftsunterkunft für wohnungslose alleinstehende Männer in der Trägerschaft von „f & w fördern und wohnen“, einer Anstalt des öffentlichen Rechts. Um sich von der Vergangenheit vor 1945 eindeutig zu distanzieren, erhielt das Gebäude auf Initiative von f & w den Namen Helmuth-Hübener-Haus.

Vergessen und verdrängt?

Die Geschichte der Jugendarrestanstalt im ehemaligen Polizeigefängnis Hütten scheint vergessen und verdrängt. Doch noch ist es nicht zu spät, dieses Kapitel aufzuarbeiten. Es wird Zeitzeugen und Betroffene geben, die sich erinnern. Mit der Veröffentlichung meiner Bildserie aus dem Herbst 1971 möchte ich dazu einen Anstoß geben. 

 

 

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