Der Anachronistische Zug 1980

Der Anachronistische Zug war ein politisches Straßentheater, das auf dem 1947 entstandenen gleichnamigen Gedicht von Bertolt Brecht basierte. Der Straßentheaterzug formierte sich 1980 in München als Protest gegen den damaligen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Franz Josef Strauß, und präsentierte sich in mehreren deutschen Städten. Im September 1980 erreichte der Zug den Rathausmarkt in Kiel, wo dieses Szenenfoto entstand.
Der Anachronistische Zug war ein politisches Straßentheater, das auf dem 1947 entstandenen gleichnamigen Gedicht von Bertolt Brecht basierte. Der Straßentheaterzug formierte sich 1980 in München als Protest gegen den damaligen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Franz Josef Strauß, und präsentierte sich in mehreren deutschen Städten. Im September 1980 erreichte der Zug den Rathausmarkt in Kiel, wo dieses Szenenfoto entstand. © Holger Rüdel

Der beginnende Bundestagswahlkampf  2017 weckt Erinnerungen an frühere Wahlschlachten in Deutschland – und ließ mich tief in mein historisches Bildarchiv eintauchen. Dabei stieß ich auf eine fast vergessene Serie von Schwarzweiß-Aufnahmen, die im September 1980 in Kiel entstanden waren. An diesem Spätsommer-Tag, kurz vor der Bundestagswahl Anfang Oktober 1980, erreichte der „Anachronistische Zug“ den Rathausmarkt in Kiel.

Agitation gegen den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß

Der Anachronistische Zug war ein mobiles politisches Straßentheater, das 1980 in München als Protest gegen den damaligen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Franz Josef Strauß, inszeniert wurde. Es basierte auf dem 1947 entstandenen Gedicht „Der Anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ von Bertolt Brecht. Darin geißelte Brecht in satirischer Form die Seilschaften alter NS-Parteimitglieder und -mitläufer im Nachkriegsdeutschland. Brechts 41-Strophen-Gedicht schildert, wie „von Süden, aus den Tälern“ sich „pomphaft ein zerlumpter Zug“ aus Dienern und Nutznießern des Naziregimes auf den Weg durch Trümmerdeutschland macht. Vornweg tragen sie ihr neues Motto: „Und es war so etwas wie Freiheit und Democracy“.

Aus dieser Schlüsselzeile entwickelten die Regisseure des Zuges ihre Agitation im Wahlkampf 1980: Auf Lastwagen waren Plakate mit verfremdeten Variationen des Sinnspruchs montiert („Freiheit statt Butter“); Pappmasken und gelegentlich groteske Kostüme der Schauspieler symbolisierten Repräsentanten der westdeutschen Politik und Wirtschaft – aus Sicht der Regisseure Geistesverwandte des Kanzlerkandidaten Strauß.

Beleidigung oder Freiheit der Kunst?

Natürlich sollte mit diesen drastischen Darstellungen bewusst provoziert und der Staat herausgefordert werden. So kam es während der Tournee des Anachronistischen Zuges von Bayern bis Schleswig-Holstein auch mehrfach zu Konflikten mit Polizei und Justiz. Gegen eine Verurteilung durch das Amtsgericht Kempten wegen Beleidigung von Franz Josef Strauß legten die Veranstalter Revision beim Bayerischen Obersten Landesgericht mit Hinweis auf die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Kunst ein. Diesen Widerspruch verwarf das Landesgericht als „offensichtlich unbegründet“. Das angerufene Bundesverfassungsgericht sah den Fall differenzierter und erkannte den Aspekt der Kunstfreiheit im Prinzip an, verwies den Streit aber zurück an das Amtsgericht Kempten.

1990 zog der Anachronistische Zug ein weiteres Mal durch Deutschland. Die Agitationsrichtung lag dabei in der Warnung vor nationalistischen Tendenzen in Deutschland nach der Wiedervereinigung.

 

 

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