Projekt Kitzrettung

Projekt Kitzrettung: Lisa-Marie Gericke mit einem geborgenen Jungtier auf einem Feld bei Selk in Schleswig-Holstein.
Projekt Kitzrettung: Lisa-Marie Gericke mit einem geborgenen Jungtier auf einem Feld bei Selk in Schleswig-Holstein. © Holger Rüdel

Jedes Jahr sterben tausende Rehkitze durch Mähmaschinen. Oder sie werden grausam verstümmelt. Diese Tragödie war bislang kaum vermeidbar, denn die Kitze werden meistens auf offenem Feld geboren, zeitlich parallel zur Frühjahrsmahd in der Landwirtschaft. Verborgen im hohen Gras – und damit unsichtbar für die Fahrer der Mähgeräte.

Bundesweit gefördert: Kitzsuche mit Drohnen

Deshalb appellieren Organisationen wie der Deutsche Jagdverband, der Deutsche Bauernverband und die Deutsche Wildtierrettung jedes Jahr an die Landwirte, den Mähtermin mindestens 24 Stunden vorher mit dem Jagdpächter abzusprechen und erforderliche Maßnahmen für den Schutz von Wildtieren durchzuführen. Dazu gehörte bisher hauptsächlich das Absuchen der Wiesen mit Jagdhunden. Doch bei dieser personal- und zeitaufwendigen Aktion lassen sich bei weitem nicht alle Kitze entdecken: Zum einen sind sie kurz nach der Geburt für Jagdhunde nicht “riechbar”, zum anderen können die Flächen von den Suchtrupps aus der Jägerschaft kaum vollständig abgelaufen werden.

Projekt Kitzrettung: Die Drohne ist erfolgreich gestartet und schwebt über dem ersten Feld, das am frühen Morgen vor Sonnenaufgang abgesucht wird.
Projekt Kitzrettung: Die Drohne ist erfolgreich gestartet und schwebt über dem ersten Feld, das am frühen Morgen vor Sonnenaufgang abgesucht wird. © Holger Rüdel

Jetzt bahnt sich ein Durchbruch bei der Kitzrettung durch den Einsatz moderner Technik an: Mit Wärmebildkameras ausgestattete Drohnen haben sich neuerdings als das effektivste Mittel erwiesen, um den Wildnachwuchs vor tödlichem Mähwerk zu retten. Nach den Vorstellungen von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sollen die Fluggeräte künftig großflächig zum Einsatz kommen. Mit zwei Millionen Euro subventioniert sein Haus dieses Jahr die Beschaffung von Drohnen zur Kitzrettung. Özdemir verlängert damit ein Programm, das von seinem Ministerium bereits in den vergangenen beiden Jahren aufgelegt wurde, aber nur jeweils auf ein Jahr befristet war.

Selk: Erfolgreiche Spendenaktion zur Drohnenbeschaffung

Inzwischen haben manche Kitzretter die segensreiche Drohnentechnik bereits ohne staatliche Förderung in Eigenregie beschafft – aus eigenem Budget und mit ergänzender Hilfe von Sponsoren. So wie die Jägerinnen und Jäger aus Selk, die Anfang 2023 eine erfolgreiche Spendenaktion starteten. Höhepunkt der Kampagne war das ausverkaufte “Bene-Kitz-Konzert” der Folkband “Tears for Beers” in einer lokalen Gaststätte. So kamen schließlich ausreichend Mittel zusammen, um eine Wärmebilddrohne vom Typ DJI Mavic 3 Thermal plus Zubehör anzuschaffen.

Morgens im Einsatz mit den Kitzrettern aus Selk

Ende Mai habe ich das Kitzrettungs-Team der Selker Jägerschaft bei einem ihrer ersten Einsätze mit der Drohne begleitet. Um 4 Uhr morgens, lange vor Sonnenaufgang, brachen wir auf. Die Selker Kitzretter, das waren an diesem Tag: Patrick Hertzfeld, Simon Mahl sowie Bernd, Carmen und Lisa-Marie Gericke.

Der frühe Start ist alternativlos, um erfolgreich auf “Kitzjagd” zu gehen, denn nur so können die warmen Körper der kleinen Wildtiere in der noch kühlen Umgebung von den Sensoren der Drohne geortet werden. Systematisch wird Feld für Feld abgesucht. Während Pilot Simon Mahl das teure Gerät souverän steuert, beobachtet Carmen Gericke, dicht daneben stehend, auf einem separaten Bildschirm intensiv, ob Lebewesen erfasst werden. Diese sind als heller Fleck in einer schwarzen Umgebung erkennbar, aber nicht in klar umrissenen Konturen. Um zu prüfen, ob es sich wirklich um ein Kitz und nicht etwa um einen Maulwurfshaufen handelt, tritt der Suchtrupp in Aktion: Patrick Hertzfeldt und Lisa-Marie Gericke auf dem Quad, Bernd Gericke zu Fuß. Sie stehen in Funkkontakt mit dem Drohnenteam und werden so zielsicher zu den entdeckten Tierkörpern geleitet.

Projekt Kitzrettung: Wieder haben die freiwilligen Helfer ein Tier gefunden und gerettet.
Projekt Kitzrettung: Wieder haben die freiwilligen Helfer ein Tier gefunden und gerettet. © Holger Rüdel

An diesem Morgen finden die “Kitzdetektive” ausnahmslos junge Rehe und keine anderen Wildtiere. Mitunter allerdings handelt es sich nicht um frisch geborene Kitze, sondern um etwas ältere, quicklebendige, die sich nicht leicht einfangen lassen. Da hilft dann manchmal der Kescher, den der Suchtrupp mit sich führt.

Was geschieht nun mit den geborgenen Jungtieren? Sie werden zunächst schonend in tragbare, luftdurchlässige Boxen gesetzt, zum Rand des Feldes gebracht und dort sicher und gut erkennbar abgestellt. Weil Zeitpunkt und Ablauf der Kitzrettung eng mit den Landwirten abgestimmt sind, erfolgt das Mähen der Flächen meistens unmittelbar nach der “Drohnenjagd”, so dass die geborgenen Tiere bereits nach wenigen Stunden aus den schützenden Boxen in die Freiheit entlassen werden können.

Kitzrettung mit Drohnentechnik – eine Zwischenbilanz

Auf meine Frage nach einer Zwischenbilanz der Kitzrettung mit Wärmebild-Drohnentechnik sagt Bernd Gericke: “In diesem Jahr haben wir mit unserem kleinen Team bereits 80 Tiere vor dem Tod oder der Verletzung durch Mähmaschinen bewahrt. Früher waren es – mit Suchmannschaften und größerem personellen Aufwand – höchstens halb so viele. Diese enorme Steigerung der Erfolgsquote zeigt, dass wir mit dem Einsatz von Drohnen auf dem richtigen Weg sind. Hoffen wir, dass dieses Verfahren bundesweit Schule macht! Dennoch braucht es jede Menge ehrenamtliche Energie. Wir zum Beispiel vom Selker Rettungsteam opfern viel Freizeit oder nehmen sogar Urlaub, um mehrere Tage hintereinander jeden Morgen vor Sonnenaufgang zur Stelle zu sein, bevor die Mähmaschinen in Aktion treten. Aber wir bleiben am Ball – auch in den kommenden Jahren!”


Alle Bilder der Reportage sind hier zu finden (und als FineArt-Druck bestellbar): Galerie Kitzrettung Selk

Aufnahmegeräte: Fujifilm X-Pro2 und Nikon Z 7.

 

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