Birgit Voigtländer. Eine Wanderschäferin in Schleswig-Holstein

Die hohe Kunst der Wanderschäferei: In der Barker Heide im Kreis Segeberg, dem ältesten Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins, formiert Birgit Voigtländer ihre Herde mit nur wenigen Handbewegungen und Rufen.
Die hohe Kunst der Wanderschäferei: In der Barker Heide im Kreis Segeberg, dem ältesten Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins, formiert Birgit Voigtländer ihre Herde mit nur wenigen Handbewegungen und Rufen. © Holger Rüdel

Mitten in Schleswig-Holstein, im „grünen Herzen“ des Landes, liegt der 380 Quadratkilometer große Naturpark Aukrug, und genau hier befindet sich der Betrieb von Birgit Voigtländer.

Praxistraining in einer Großschäferei

Ihre „Karriere“ als Wanderschäferin begann, als sie Anfang 1991 bei der Suche nach einem Job außerhalb des hektischen Lebens in Hamburg auf eine große Schäferei stieß, die östlich ihrer Heimatstadt dicht an der Elbe liegt. „Learning by Doing“ hieß die Devise hier: Arbeit im Stall, Betreuung wandernder Herden auf den ausgedehnten Wiesen am Fluss und Versorgung der Tiere in der Lammzeit – so sammelte sie Kenntnisse in allen Bereichen dieses uralten Handwerks.

Die Wanderschäferin Birgit Voigtländer mit ihrer Herde in der Barker Heide im Kreis Segeberg, dem ältesten Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins.
Die Wanderschäferin Birgit Voigtländer mit ihrer Herde in der Barker Heide im Kreis Segeberg, dem ältesten Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins. © Holger Rüdel

Start in die Selbständigkeit mit 260 Schafen

Wie Birgit Voigtländer später einmal sagte, waren die zwei Jahre dieser „außertariflichen“ Mitarbeit – es gab keine monatliche Bezahlung, sondern nur Kost und Logis – weichenstellend für ihr Leben: „Ich habe damals Feuer gefangen und wollte später unbedingt Wanderschäferin werden.“ An die Gründung eines eigenen Betriebes dachte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dieser Gedanke reifte erst, als sie für ihren Einsatz in der Großschäferei nachträglich belohnt wurde – nicht in Form einer pekuniären Vergütung, sondern in Gestalt von 130 lebenden Schafen.

Als sich diese Herde auf 260 Tiere vergrößerte, war die Voraussetzung für die Selbständigkeit gegeben – zunächst im Rahmen einer partnerschaftlichen GbR in Mecklenburg-Vorpommern, seit 1999 dann als alleinige Chefin und geprüfte Tierwirtin, Fachrichtung Schäferei, in Schleswig-Holstein.

Selbstvermarktung im Hofladen in Aukrug

Aktuell beweidet die Schäferei Aukrug mit 800 Mutterschafen und 120 Ziegen Heideflächen, Moore und Trockenwiesen in Naturschutzgebieten der Kreise Segeberg und Rendsburg-Eckernförde. Schwerpunkte sind die Barker Heide, die Wittenborner Heide und das Stellbrookmoor im Kreis Segeberg. In der kalten Jahreszeit überwintern die Tiere auf Bauernland im Umkreis von Aukrug.

Einmal im Jahr werden die Schafe geschoren, hier auf offenem Feld in der Barker Heide. Die Wanderschäfereien in Schleswig-Holstein engagieren für diese Aufgabe professionelle Scherer, die meistens im Team arbeiten und elektrisch betriebene Geräte einsetzen. Nur so lässt sich bei einer Herde von über 500 Tieren die erforderliche hohe Scherfrequenz erreichen.
Einmal im Jahr werden die Schafe geschoren, hier auf offenem Feld in der Barker Heide. Die Wanderschäfereien in Schleswig-Holstein engagieren für diese Aufgabe professionelle Scherer, die meistens im Team arbeiten und elektrisch betriebene Geräte einsetzen. Nur so lässt sich bei einer Herde von über 500 Tieren die erforderliche hohe Scherfrequenz erreichen. © Holger Rüdel

Das Team von Birgit Voigtländer ist mit vier Angestellten größer als bei den anderen Wanderschäfereien im Land. Dementsprechend gibt es auch mehr zu tun, zum Beispiel den eigenen Hofladen ständig mit frischer Ware zu versorgen. Etwa 50 % ihres Umsatzes erzielt Birgit Voigtländer durch die Vermarktung ihres Fleisches, die andere Hälfte durch die Einnahmen aus den Beweidungsaufträgen.

„Schäferei ist Leben“

„Was ist das Hauptziel bei der Wanderschäferei?“, wurde Birgit Voigtländer kürzlich in einem Podcast auf „Der Klang des Dienens“gefragt. „Die Antwort ist verblüffend einfach“, sagte sie. „Die Schafe müssen immer satt sein. Aber es gibt eine große Herausforderung, und das ist die Logistik bei der Suche nach ergiebigen Weideflächen und nach dem Weg dorthin.“

Zur "Belegschaft" der Schäferei Aukrug gehören auch vier Altdeutsche Hütehunde als Vierbeiner für die tägliche Arbeit, hier zwei im Spiel auf einer Wiese in Aukrug.
Zur „Belegschaft“ der Schäferei Aukrug gehören auch vier Altdeutsche Hütehunde als Vierbeiner für die tägliche Arbeit, hier zwei im Spiel auf einer Wiese in Aukrug. © Holger Rüdel

Für die Zukunft der Wanderschäferei sieht Birgit Voigtländer dunkle Wolken aufziehen. „50 Schäfereien in Deutschland stellen im Jahr ihren Betrieb ein. Damit geht auch altes Wissen verloren – nicht nur bei der Hütetechnik, sondern auch bei der Ausbildung der Hunde und der artgerechten Behandlung der Schafe bei Krankheiten.“

Dennoch hat sie ihren Optimismus nicht verloren: „Schäferei ist Leben. Und: Eine Landschaft ohne Schafe ist nur halb so schön.“

Bilder aus diesem Beitrag sind ab 30. März 2023 (Eröffnung) in der Ausstellung „Nomaden unserer Zeit. Wanderschäfereien in Schleswig-Holstein“ sowie in dem gleichnamigen Begleitband zu sehen. Dieses Projekt wird von der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein durchgeführt und durch Mittel der Europäischen Union und des Landes Schleswig-Holstein ermöglicht.


Aufnahmegeräte: Nikon D850, Nikon Z 7 und Hasselblad L1D-20c (DJI Mavic 2 Pro).

 

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