Gezeitenwechsel. Wege durch das Watt

Die Wege im Watt verändern sich mit Wasserstand, Wind und Jahreszeit. Sie bleiben nur bestehen, weil Menschen sie täglich befahren, kontrollieren und pflegen. Zwischen Halligen und Festland liegen Strecken, die zugleich Arbeitsweg, Versorgungsroute und Verbindung zur Außenwelt sind.
Die Wattenkutsche nach Südfall
Jedes Jahr, von April bis Oktober, fährt Holger Hansen mit seinem Team Gäste von Nordstrand nach Südfall. Der sieben Kilometer lange Weg ist mit Pflöcken markiert, die in großen Abständen im Watt stehen und die Richtung vorgeben – eine Orientierung, die nur bei Niedrigwasser sichtbar bleibt.

Während die Kutsche sich in Bewegung setzt, verändert sich die Umgebung spürbar: Die Geräusche werden gedämpfter, der Horizont weiter, und die Fahrt gewinnt eine eigene Ruhe. Schritt für Schritt setzen die Pferde in die flache See, und die Kutsche folgt einem Weg, der trotz Markierung Aufmerksamkeit und Erfahrung verlangt.
Südfall ist nur im Sommer bewohnt, und die Kutsche ist die einzige planmäßige Verbindung zwischen der Hallig und dem Festland. Ein Zugang zu Fuß ist ausschließlich im Rahmen autorisierter, geführter Wattwanderungen erlaubt, da Südfall in der streng geschützten Schutzzone 1 des Nationalparks liegt. Bei ungünstigen Wasserständen bleibt die Hallig vollständig isoliert.

Die Lorenbahn Oland–Langeneß – eine Lebensader im Watt
Die Bahnstrecke zwischen Dagebüll und den Halligen Oland und Langeneß wurde in den 1920er Jahren gebaut und ist bis heute eine zentrale Verbindung im Watt. Wenn Thies Nissen die Lok startet, setzt sich die kleine Maschine langsam über den einspurigen Damm in Bewegung.

Für den LKN.SH, den Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, bringt er zusammen mit seinem Team vom Betriebshof in Dagebüll Material und Personal zu den Küstenschutz-Baustellen im Watt oder auf den Halligen.
Gemeinsam halten sie die Strecke auch an Tagen offen, an denen Wasserstand und Wetter wenig Spielraum lassen. Bei extremen Bedingungen allerdings – wie bei Landunter oder starkem Eisgang – sind Lorenfahrten nicht möglich.

Auch die Halligbewohner nutzen die Gleise mit ihren eigenen Loren. Sie erledigen Einkäufe, holen Gäste ab und bewältigen ihre alltäglichen Wege über das Watt.
Pastor Matthias Krämer auf Langeneß
Seit 1994 betreut Pastor Matthias Krämer die Kirchengemeinden auf Langeneß, Oland und Gröde. Seine Lore macht die seelsorgerliche Mobilität im Watt möglich – solange Wind und Wasser es zulassen. Für Gottesdienste, Besuche und Gespräche fährt er über dieselben schmalen Dämme, die auch den Alltag der Halligbewohner prägen.

Bei Landunter oder Sturmfluten bleibt das Pastorat auf Langeneß eine Insel im doppelten Sinn: Dann ist ein Verlassen der Warft nicht möglich.
Gezeitenwechsel – Menschen im Wattenmeer
Die Motive in diesem Beitrag sind Teil des fotografischen Epos Gezeitenwechsel über Menschen im Wattenmeer – über ihr Leben und Arbeiten in einer Landschaft, die von den Naturgewalten und den Veränderungen im Gefolge des Klimawandels geprägt wird.
Die Ausstellung wird am 28. Oktober 2026 in der nos.FOTOMENTA der Nord-Ostsee Sparkasse in Schleswig eröffnet. Ein Begleitband erscheint zeitgleich im Wachholtz Verlag.
Newsletter
Neue Beiträge über Projekte, Fototechnik und Ausstellungen per E‑Mail erhalten: Hier abonnieren