Gezeitenwechsel. Die Seenotretter

Die Nordsee gilt seit jeher als anspruchsvolles Seegebiet. Untiefen und tückische Gezeitenströme machen das Wattenmeer bis heute zu einer häufig unterschätzten Gefahrenquelle – nicht nur für die Schifffahrt, sondern auch für Menschen, die sich auf eine Wanderung durch das Watt begeben.
Seenotrettung im Wattenmeer
Aktuell wird der maritime Such- und Rettungsdienst im nordfriesischen Küstengebiet von vier Stationen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) wahrgenommen: in List und Hörnum auf Sylt, Wittdün auf Amrum sowie Strucklahnungshörn auf Nordstrand. Diese Stützpunkte werden ergänzt durch eine Freiwilligenstation am Eiderdamm.

Seit ihrer Gründung 1865 hat die DGzRS, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert, an Nord- und Ostsee mehr als 87.000 Menschen aus Seenot gerettet oder Gefahr befreit.
An Bord der EISWETTE
An einem Wintertag begleite ich die Crew der Station Nordstrand auf einer Ausfahrt mit dem Seenotrettungskreuzer EISWETTE. Der Himmel ist grau, der Wind frisch, die See unruhig. Es ist einer dieser Tage, an denen sich die Nordsee nicht festlegen will – ein Meer in Bewegung, ein Arbeitsraum, der Aufmerksamkeit verlangt.
Auf dem Vorschiff wacht Dominik Holtmeier, der 1. Maschinist, und beobachtet das Manöver der Novize. Normen Flemming fährt das Arbeitsboot zunächst allein, später gemeinsam mit mir, einmal um die EISWETTE herum und dann parallel zum Kreuzer.

Das ist keine Show für die Kamera, sondern ein eindrucksvoller Beweis für die professionelle Einsatzbereitschaft der Crew: eine präzise Demonstration des effektiven Zusammenspiels zwischen dem Seenotrettungskreuzer und dem Arbeitsboot – jener Zusammenarbeit, die im Ernstfall darüber entscheidet, wie schnell Menschen aus einer Gefahr befreit werden können. Die Kommunikation bleibt knapp und konzentriert – ein Ablauf, bei dem jeder Handgriff sitzt.
Auf der Brücke steht der 2. Vormann Lukas Bockelmann am Ruder des Kreuzers. Vor den Fenstern zieht das Wattenmeer vorbei, im Hintergrund der Leuchtturm von Pellworm. Die Anzeigen, Radarbilder und Instrumente formen ein stilles, technisches Panorama – ein Gegenpol zur bewegten See draußen.

Routine und Ernstfall
An diesem Tag begleitet uns auch Jochen Missfeldt, Autor des Essays Gezeiten im bald erscheinenden Bildband Gezeitenwechsel. Er beobachtet aufmerksam, ruhig, mit dem Blick eines Menschen, der die Küste kennt. Später notiert er:
Die Ruhe vor dem Sturm ist hier kein Sprichwort, sondern eine Bewährungszeit.
Ein Satz, der die Atmosphäre an Bord eines Rettungskreuzers treffend einfängt: Die Männer und Frauen auf den Schiffen der DGzRS wissen, dass aus Routine jederzeit Ernst werden kann. Die Ruhe an Bord ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Entscheidungen, die unter Druck getroffen werden müssen. Seenotrettung ist ein Beruf, der auf Erfahrung, Teamarbeit und Verlässlichkeit beruht.

Gezeitenwechsel – Menschen am Wattenmeer
Die Motive in diesem Beitrag sind Teil des fotografischen Epos Gezeitenwechsel über Menschen am Wattenmeer – über ihr Leben und Arbeiten in einer Landschaft, die von den Naturgewalten und den Veränderungen im Gefolge des Klimawandels geprägt wird.
Die Ausstellung wird am 28. Oktober 2026 in der nos.FOTOMENTA der Nord-Ostsee Sparkasse in Schleswig eröffnet.
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