Nikon Z. Ein Erfahrungsbericht

Exkursion zur Eishöhle am Vulkan Katla in Island bei Sturm und peitschendem Regen. Die robuste Nikon Z 7 widerstand der extremen Witterung.
Exkursion zur Eishöhle am Vulkan Katla in Island bei Sturm und peitschendem Regen. Die robuste Nikon Z 7 widerstand der extremen Witterung. © Holger Rüdel

Das Zeitalter der digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) nähert sich seinem Ende. Betrachtet man die Neuerscheinungen auf dem professionellen und semiprofessionellen Kameramarkt, investiert keiner der führenden Hersteller mehr in die Entwicklung von DSLR-Modellen. Die Zukunft gehört stattdessen zweifellos den spiegellosen Systemkameras (DSLM). 

DSLM versus DSLR

Auf den ersten Blick liegt der Vorteil dieses Kamerasystems klar auf der Hand: Die DSLM funktioniert ohne Spiegel und ist deshalb sehr viel leichter und weniger störanfällig als die Spiegelreflexkamera mit ihrer komplexen Mechanik. Das Sucherbild der DSLM wird elektronisch vom Sensor abgegriffen, so dass die eingestellten Parameter wie zum Beispiel Belichtung und Weißabgleich in ihrer Auswirkung auf das Motiv immer sichtbar sind. Es gilt also: „What you see is what you get.“

Allerdings kann diese native Darstellung in Extremfällen auch stören, wenn etwa mit hoher ISO-Zahl bei wenig Licht fotografiert wird und Details in den Schatten nicht mehr im Sucher erkennbar sind. Ein weiteres DSLM-Defizit ist die schwächere Autofokus-Performance, die mit der Schnelligkeit der besten High-End-DSLR in den meisten Fällen nicht mithalten kann. Noch – denn die Hersteller sind dabei, ihre Top-DSLM in diesem Punkt aufzurüsten.

Nikon Z 7 mit Z 14-24 mm f/2,8 S. 1/100 Sekunde bei Blende 6,3. ISO 64. Dieses statische Motiv stellte den Autofokus der Z 7 vor keine Herausforderung.
Nikon Z 7 mit Z 14-24 mm f/2,8 S. 1/100 Sekunde bei Blende 6,3. ISO 64. Dieses statische Motiv stellte den Autofokus der Z 7 vor keine Herausforderung. © Holger Rüdel

Das Nikon-Z-System

Mit der Nikon Z 6 und Z 7, die im August 2018 vorgestellt wurden, ist Nikon erst verhältnismäßig spät in den Markt der DSLM-Anbieter eingestiegen. Die beiden Kameras unterscheiden sich hauptsächlich durch die Auflösung des Sensors, der bei der Z 7 45,7 Megapixel beträgt und bei der Z 6 24,5 Megapixel.

Mit der Einführung des Z-Systems war ein für Nikon revolutionärer Schritt verbunden: die Abkehr vom traditionellen, seit 1959 strikt beibehaltenen F-Mount-Anschluss zugunsten des neuen Z-Bajonetts mit einem Durchmesser von 55 mm. Dieser laut Nikon größte Bajonettdurchmesser aller Vollformatkameras auf dem Markt (Stand 2019) erlaubt auch dank des geringen Auflagemaßes von nur 16 mm die Konstruktion kompakter Gehäuse und besonders leistungsfähiger Objektive mit hoher Lichtstärke.

Der separat erhältliche Bajonettadapter FTZ ermöglicht die Verwendung einer Vielzahl von Objektiven mit dem F-Bajonett und erleichtert so den Umstieg vom F- zum Z-System.

Pferde im zügigen Galopp am Strand von Sankt Peter-Ording. Bei dieser Geschwindigkeit hatte die Nikon Z 7 kein Problem, dem Hauptmotiv im Vordergrund mit der Messfeldsteuerung "Wide S" zu folgen.
Pferde im zügigen Galopp am Strand von Sankt Peter-Ording. Bei diesem Tempo hatte die Nikon Z 7 (noch) kein Problem, dem Hauptmotiv im Vordergrund mit der Messfeldsteuerung „Wide S“ zu folgen. Nikon Z 7 mit Z 24-70 mm f/2,8 S. 1/1250 Sekunde bei Blende 5,6. ISO 280. © Holger Rüdel

Im Fokus: Nikon Z 7

Wenn der Fokus im folgenden Kapitel auf die Z 7 gerichtet wird, dann geschieht dies exemplarisch für alle Vollformatkameras des Z-Systems, auch für die Nachfolgemodelle Z 6II und Z 7II. Hier handelt es sich zwar um eine Weiterentwicklung mit einigen Optimierungen zum Beispiel in der Autofokus-Performance, doch diese Verbesserungen sind kein substantieller Sprung nach vorn – ganz anders offenbar als bei der Nikon Z 9, die erst am Tag der Veröffentlichung dieses Artikels offiziell vorgestellt wurde und deshalb hier keine Berücksichtigung finden kann.

Mehr als Backup-Lösung für meine D850 gedacht, habe ich Anfang 2020 eine Nikon Z 7 mit dem FTZ-Adapter erworben. Und es zunächst bereut, denn ich wurde mit der Kamera nicht so richtig warm. Mit der Ergonomie der fast blind bedienbaren D850 seit langem vertraut, waren Handling und Menü der Z 7 zunächst derart gewöhnungsbedürftig, dass die Kamera ein Schattendasein in meinem Equipment führte.

Das begann sich im Sommer 2020 zu ändern, als mich die Z 7 bei einem Projekt in Island begleitete. Und als ich vor allem das geringe Gewicht der Kamera bei langen Exkursionen als enorm vorteilhaft schätzen lernte.

 

Die Nikon Z 7: Pro und Contra

Inzwischen greife ich bei manchen Projekten öfter zur Z 7 als zur D850. Warum, will ich kurz erläutern, aber auch auf einige Schwächen im Z-System hinweisen.

Pro

  • Bei deutlich geringerem Gewicht und kleineren Abmessungen gegenüber der D850 liegt die Bildqualität auf gleich hohem Niveau.
  • Sofortige Bildkontrolle durch den elektronischen Sucher der Z 7. Nur in Ausnahmefällen ist der optische Sucher der D850 überlegen.
  • Der eingebaute Bildstabilisator mit beweglichem Bildsensor ermöglicht auch die Verwacklungskompensation bei der Verwendung älterer Nikkor-Objektive mit dem FTZ-Adapter.
  • Z-Objektive: Die Performance der Nikkor-Objektive für das Z-Bajonett übertrifft die Qualität der vergleichbaren Linsen aus dem F-System bei weitem. In einem ausführlichen Testbericht in diesem Blog habe ich das herausragende Nikkor Z 14-24 mm f/2,8 S vorgestellt. Inzwischen ergänzen zwei weitere Z-Objektive meine Ausrüstung: das Z 24-70 mm f/2,8 S und das Z 85 mm f/1,8 S, mein Lieblingsobjektiv für Porträts dank der Offenblendtauglichkeit und des attraktiven Bokehs.
  • Die Z 7 ist trotz ihres kompakten, leichten Baukörpers hochwertig verarbeitet und funktioniert auch noch unter widrigsten Bedingungen, so wie man es von den professionellen Nikon-DSLR kennt. Als mich 2020 in Island beim Marsch zu einer Eishöhle ein heftiger Sturm mit schweren Schauern überraschte, konnte ich nur schnell eine provisorische Schutzhülle über die Z 7 mit FTZ-Bajonett und dem AF-S Nikkor 24-120 mm f/4 G ED VR ziehen. Auf der Rückfahrt entdeckte ich, dass sich in dieser Hülle Wasser gesammelt hatte, in das die Kamera samt Objektiv zur Hälfte eingetaucht war. Zu meinem Erstaunen war kein Tropfen Wasser in das Gehäuse eingedrungen, wohl aber in das Objektiv, das sich zum Glück nach dem Trocknungsprozess wieder verwenden ließ.

 

Lost Place. Nikon Z 7 mit Z 85 mm f/1,8 S. 1/500 Sekunde bei Blende 5,6. ISO 64.
Lost Place. Nikon Z 7 mit Z 85 mm f/1,8 S. 1/500 Sekunde bei Blende 5,6. ISO 64. © Holger Rüdel

Contra

  • Der FTZ-Bajonettadapter ist nicht mehr als ein Kompromiss, denn bei seiner Verwendung geht die Kompaktheit der Z-Kameras verloren. Sie werden schwerer und beim Einsatz von längeren Brennweiten kopflastig. Wer in das Z-System einsteigt, wird über kurz oder lang auch in Z-Objektive investieren. Das gilt es vor einer Kaufentscheidung zu bedenken. 
  • Das Autofokus-System ist in seiner Schnelligkeit und Präzision nicht mit der D850 und den anderen Top-DSLR von Nikon vergleichbar. Das mag bei stationären Objekten oder nicht so lebhaften Motiven weniger ins Gewicht fallen, wohl aber bei der Verfolgung von rasanten Motiven wie Vögeln im Flug. Dann stößt der Autofokus im Tracking-Modus schnell an seine Grenze und verliert das anvisierte Ziel oft aus dem Auge. Am besten funktioniert der Verfolgungs-Autofokus nach meiner Erfahrung in der Position „Wide S“ („Großes Messfeld klein“). Diese Option entspricht etwa der bewährten Messfeldgruppensteuerung in der D850 („Gr P“).
  • Das schlanke Gehäuse der Z 7 ist nicht für Aufnahmen im Hochformat konstruiert. Es lässt sich zwar ein Batteriegriff montieren, aber ihm fehlen jegliche Bedienelemente. Insofern ist er nutzlos. Erst bei der Z 7II hat Nikon nachgebessert und ermöglicht den Einsatz eines Batteriegriffs mit Funktionen.
  • Die Bedienung ist gewöhnungsbedürftig, wenn man mit der Haptik der Nikon-DSLR vertraut war. Die Verlagerung zahlreicher Steuerelemente in das Menü über die „i“-Taste war aber wohl für die Nikon-Konstrukteure alternativlos, um ein kompaktes Kameragehäuse entwickeln zu können.

   

Lost Place. Nikon Z 7 mit Z 85 mm f/1,8 S. 1/500 Sekunde bei Blende 5,6. ISO 64.
Lost Place. Nikon Z 7 mit Z 85 mm f/1,8 S. 1/500 Sekunde bei Blende 5,6. ISO 64. © Holger Rüdel

Fazit

Nach Monaten intensiver Arbeit mit dem Nikon-Z-System kann ich feststellen: Mit dem Einstieg in den Markt der spiegellosen Systemkameras ist Nikon ein großer Wurf gelungen. Pluspunkte sammelt das Z-System vor allem dank der Einführung des neuen Bajonetts und der dafür entwickelten Objektive, die sich durch eine herausragende optische Qualität auszeichnen.

Dem steht die eingeschränkte Autofokus-Performance der Z-Kameras entgegen, die vor allem für Sport- und Tierfotografen der entscheidende Grund sein dürfte, an ihren D5, D6 oder D850 festzuhalten.

Noch, denn mit dem heutigen Erscheinen der Nikon Z 9 werden die Karten im Portfolio der spiegellosen Nikon-Systemkameras neu gemischt.

 

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