Steve McCurry in Schleswig. Ein Rückblick

Im Jahr 2009 war ich kuratorisch mitverantwortlich für die große Steve‑McCurry‑Retrospektive im Stadtmuseum Schleswig – eine Koproduktion von Magnum Photos, der Städtischen Galerie Iserlohn und dem von mir geleiteten Stadtmuseum. Die Ausstellung war in Schleswig und Iserlohn erstmals zu sehen, bevor sie anschließend in großen Museen weltweit gezeigt wurde und dort ein bemerkenswertes Echo fand.
Während seines Aufenthalts begleitete ich Steve McCurry bei der Eröffnung und seinem separaten Vortrag am folgenden Tag in der „Casa Cultura“ in Schleswig. Parallel dazu erschien im Journal des SHZ‑Verlags ein ausführlicher Artikel von mir über das Leben und Werk des Fotografen. Da dieser Text inzwischen selbst ein Zeitdokument geworden ist und meine kuratorische Arbeit von damals sichtbar macht, veröffentliche ich ihn hier erneut – ergänzt durch dokumentarische Fotos aus jener Zeit und leicht angepasst gegenüber der Fassung, die ich 2012 erstmals auf meinem Blog veröffentlicht hatte.
Der folgende Text ist der Originalartikel, den ich 2009 für das SHZ‑Journal verfasst habe: „Steve McCurry: Die Welt so abbilden, wie sie ist.“

„Steve McCurry: Die Welt so abbilden, wie sie ist“
Von den Anfängen der Fotografie zum modernen Fotojournalismus
Als der Franzose Louis Daguerre vor 170 Jahren die Fotografie entdeckte, konnte niemand voraussehen, mit welcher rasanten Geschwindigkeit sich diese revolutionäre Erfindung in den kommenden Jahrzehnten verändern würde. In den Pionierjahren der Fotografie mussten die Lichtbildkünstler noch mit minutenlangen Belichtungszeiten kämpfen, so dass nur statische Situationen ohne jede Aktion festgehalten werden konnten. Vor allem Porträts litten unter diesem Defizit und wirkten häufig steif und leblos; die enorme Größe und das Gewicht der damaligen Aufnahmeapparate kamen erschwerend hinzu.
Doch schon wenige Jahrzehnte später vollzog sich ein grundlegender Wandel: Mit der Erfindung des Rollfilms durch George Eastman 1889 und vor allem des Kleinbildsystems durch Oskar Barnack 1913 waren die Voraussetzungen für die Konstruktion kleiner, mobil einsetzbarer, aber doch extrem leistungsfähiger Kameras gegeben. Das war die Geburtsstunde des modernen Fotojournalismus.

McCurrys Weg nach Afghanistan
Fortan konnten die Bildreporter der großen Zeitungen, Illustrierten und Nachrichtenagenturen überall flexibel agieren und hautnah von den Brennpunkten des Weltgeschehens berichten. Die Fotografie wurde so zum „Auge des 20. Jahrhunderts“. Doch nicht die Technik entscheidet über die Qualität einer Bildreportage, sondern letztlich das Können und die Philosophie des Menschen hinter der Kamera. Oder in den Worten des berühmten französischen Leica-Fotografen Henri Cartier-Bresson: „Fotografieren bedeutet, den Kopf, das Auge und das Herz auf dieselbe Visierlinie zu bringen. Es ist eine Art zu leben.“
Einer der ganz großen Fotojournalisten unserer Zeit, für den dieses Zitat treffender nicht sein könnte, ist der heute in New York lebende Steve McCurry. Wie viele andere berühmte Fotografen hatte auch der 1950 in Philadelphia geborene McCurry zunächst einen anderen Lebensweg eingeschlagen und Filmwissenschaft sowie Geschichte studiert. Nach einem Job bei einer lokalen Tageszeitung zog es ihn schließlich als freiberuflichen Fotografen nach Indien und Nepal.
Es war sicher eine Mischung aus professionellem Spürsinn, Risikobereitschaft und Abenteuerlust, die ihn 1979 – kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee – verleitete, sich über verschlungene Wege nach Afghanistan aufzumachen, das bereits damals vom Bürgerkrieg zerrissen war. Seine Bilder aus der Krisenregion gehörten zu den ersten, die weltweit veröffentlicht wurden.

Das afghanische Mädchen – ein Bild, das um die Welt ging
Die belichteten Filme hatte der Fotograf in seine Kleidung eingenäht, bevor er nach seinem mehrwöchigen Aufenthalt als Begleiter der Mujaheddin unter Lebensgefahr nach Pakistan zurückkehrte. Für seine in Time erschienenen Reportagen erhielt McCurry 1980 den renommierten „Robert Capa Gold Medal Award“.
25 Mal ist McCurry seit 1979 nach Afghanistan zurückgekehrt – ein Land, das sein Leben entscheidend veränderte. Seine bewegende Fotografie eines zwölfjährigen afghanischen Mädchens, aufgenommen 1984 in einem Flüchtlingslager bei Peshawar, kam auf die Titelseite des National Geographic Magazine und wurde seitdem tausendfach weltweit abgedruckt.
McCurry erinnert sich lebhaft daran, wie er das Mädchen entdeckte: „Ich sah das afghanische Mädchen in einer Ecke und war von ihrem eindringlichen Blick fasziniert. Ich ahnte nicht, dass diese Aufnahme sich so sehr von meinen anderen Fotos unterscheiden würde.“

Magnum Photos und der humanistische Ansatz
Der Ruhm, der mit dem Bild des afghanischen Mädchens verbunden war, führte dazu, dass McCurry 1986 in die Pariser Agentur Magnum Photos berufen wurde, die als „Olymp der Fotografie“ nur wenige der Besten aufnimmt. Cartier-Bresson zählte zu den Gründern von Magnum, und mit ihm verband McCurry eine enge Bekanntschaft.
Die Agentur entstand 1947 mit dem Credo, „ein glaubwürdiges Zeugnis des Lebens“ abzulegen. Und darin sieht auch McCurry seine Aufgabe: „Ich will in der Tradition der Fotografen stehen, die die Welt so abbilden, wie sie ist, die Menschheit so darstellen, wie sie ist, und die das Weltgeschehen dokumentieren.“
Die Wiederentdeckung von Sharbat Gula
Dieser humanistische Ansatz führte McCurry 2002 erneut nach Afghanistan. Es ging darum, das damals noch namenlose afghanische Mädchen wiederzufinden. Informanten brachten das Team schließlich auf die richtige Spur zu einer Frau in einem abgelegenen Dorf nahe der Tora-Bora-Berge. Durch eine biometrische Analyse ihrer Augen konnte Sharbat Gula zweifelsfrei identifiziert werden.
Sie selbst erfuhr erst durch McCurry von der weltweiten Bekanntheit ihres Porträts. Zu ihren Ehren wurde ein Hilfsfonds für afghanische Frauen eingerichtet.

McCurrys weltweite Arbeit
McCurrys Werk ist nicht nur mit Afghanistan verbunden. Aufträge und eigene Neugier führten ihn um den ganzen Globus. Sein Hauptaugenmerk gilt weiterhin Asien, dessen Landschaften und Menschen er in zahlreichen Publikationen dokumentiert hat.
Er selbst beschreibt seine Arbeit bescheiden: „Ich will zeigen: So waren wir und so haben wir gelebt. Dies sind die Orte. Und hier sind einige der Gesichter.“
Ausklang
Die Ausstellung von 2009 markiert für mich einen besonderen Moment, in dem kuratorische Arbeit, journalistische Recherche und persönliche Begegnung eng zusammenfielen. Dass die Schau später international so große Resonanz fand, verleiht dem damaligen Projekt rückblickend eine zusätzliche Dimension.
Der hier veröffentlichte Artikel dokumentiert diese Phase und bewahrt zugleich ein Stück Fotogeschichte, das bis heute nichts von seiner Relevanz verloren hat.