Workshop mit Jim Brandenburg

Jim Brandenburg beim Outdoor-Workshop in Selk 2011 © Holger Rüdel
Outdoor-Workshop mit Jim Brandenburg in Selk (Schleswig-Holstein im Juni 2011. Im Hintergrund die historische Selker Mühle mit dem Mühlenteich. © Holger Rüdel

Sonntag, 19. Juni 2011, nachmittags: Gerade hatten wir die weltweit erste Retrospektive des Ausnahmefotografen aus Minnesota im Stadtmuseum vor 150 Gästen eröffnet, als Jim Brandenburg mich fragte: „So what about our tour to interesting sites around Schleswig?“ Ja, ich erinnerte mich: Brandenburg wollte vor seiner Abreise unbedingt zu den landschaftlich und historisch spannenden Stätten südlich von Schleswig geführt werden.

Workshop mit Jim Brandenburg in der Umgebung von Schleswig

Dass er trotz der anstrengenden Turbulenzen im Zusammenhang mit der Verlegung seines Vortrages in den Dom dazu noch die Kraft besaß, überraschte mich, und so brachen wir schließlich zu einem gemeinsamen Outdoor-Workshop auf. Unsere erste Station war die Selker Mühle mit dem idyllisch gelegenen Teich. Während ich ihm die Geschichte des Anwesens erzählte, holte er, vielsagend lächelnd, eine kleine schwarze Kamera aus einer unscheinbaren Umhängetasche: seine „Geheimwaffe“, wie er mir verriet, eine speziell für ihn umgebaute digitale Spiegelreflexkamera von Nikon  – ein wahrer Zauberkasten: Mit diesem Gerät, erläuterte Brandenburg, lassen sich unkompliziert und aus der Hand Schwarzweiß-Infrarotaufnahmen machen – eine Technik, die normalerweise den Einsatz eines Stativs, spezieller Filter und langer Belichtungszeiten erfordert.

Infrarot-Fotografie

Seit einigen Jahren schon experimentiert Jim Brandenburg intensiv mit der Schwarzweiß-Infrarotfotografie, die 1910 von dem US-amerikanischen Physiker Robert Williams Wood erfunden wurde. Brandenburg fasziniert die märchenhafte Stimmung der Aufnahmen. Sie verleiht den Bildern einen mystischen Ausdruck, der vor allem dadurch entsteht, dass Blattgrün weiß und das Blau des Himmels schwarz wiedergegeben werden. Nach dem ersten Infrarot-Shooting an der Selker Mühle ging es weiter – stundenlang durch Wald, Feld und Flur rund um Selk.

Es war eindrucksvoll, wie der Mann aus Minnesota bei dieser Wanderung mit seinem durch jahrzehntelange Praxis geübten scharfen Blick Motive entdeckte, die für uns Einheimische eher unscheinbar am Wegesrand liegen: Alte Eichenstämme zum Beispiel, die er deswegen bemerkenswert und fotogen fand, weil er solche mächtigen „Oak trees“ in  seiner Heimat noch nicht gesehen hatte. Als wir endlich zum Ausgangspunkt unserer Tour zurückgekehrt waren, brachen die letzten Sonnenstrahlen des Tages dramatisch durch die dichte Wolkendichte. „Fantastic light“, rief Brandenburg, „let’s got to the viking settlement!“

Gesagt, getan. Ich bemerkte, dass sich mein Fahrgast nicht angeschnallt hatte. „Please, fasten seat belt“,  sagte ich, was er mit dem Hinweis konterte, dass ihn der Gurt davon abhält, bei einem plötzlich auftauchenden Motiv schnell aus dem Wagen zu springen. Und genau das trat nach kurzer Fahrt ein: An der Kreisstraße, am Südufer des Selker Noores, gab er mir Anweisung, sofort zu stoppen, schnappte seine Tasche mit der Infrarotkamera und positionierte sich am Straßenrand, um die vielleicht schönste Szene seiner Schleswiger Infrarot-Serie einzufangen, den mit einem Teleobjektiv verdichteten Blick über die beiden Noore und die Schlei bis hin zur Altstadt mit dem Dom.

Wildlife in Haithabu

Am Ringwall von Haithabu angelangt, war Jim Brandenburg nicht mehr zu bremsen. Im Laufschritt – das spätabendliche Sonnenlicht wurde zusehends schwächer – suchte er das weiträumige Gelände nach Motiven ab und wurde fündig: So wurden Hasen, die sich auf einer Wiese jagten, seine fotografische Beute ebenso wie Schafe einer Herde auf dem Kamm des Ringwalles. Das Bild der Hasen ist übrigens inzwischen auf seinem Blog zu finden.

Und dann, ganz am Ende der Exkursion nach Haithabu, ein unverhoffter Moment: Eines der mächtigen Longhorn-Rinder hatte sich mitten in der Blickachse der Haithabu-Häuser positioniert, ein ideale, symbolträchtige Konstellation. Doch der Vierbeiner schaute in die falsche Richtung. Kein Problem für den Magier mit der Infrarot-Kamera: Mit einem animalischen Ruf ließ er das urwüchsige Rind aufhorchen und den Kopf gen Kamera heben – das perfekte Bild war im Kasten.

Es war ein unvergessliches Erlebnis, Jim Brandenburg bei seiner ausdauernden fotografischen Entdeckungsreise zu begleiten.

Dieser Beitrag wurde am 2. Juli 2011 veröffentlicht in: Schleswiger Nachrichten, S. 14.

 

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