Die Holmer Fischerzunft

Kollegen unter sich: Nicht oft gelingt es dem 1. Ältermann Jörn Ross (rechts), alle Mitglieder der Fischerzunft terminlich unter einen Hut zu bekommen wie hier im Oktober 2020.
Kollegen unter sich: Nicht oft gelingt es dem 1. Ältermann Jörn Ross (rechts), alle Mitglieder der Fischerzunft terminlich unter einen Hut zu bekommen wie hier im Oktober 2020. © Holger Rüdel

Nicht erst heute – schon in der Vergangenheit mussten die Fischer vom Holm in Schleswig an der Schlei um ihre Existenz kämpfen.

Vor 300 Jahren zum Beispiel litten die Schleswiger Fischer massiv unter den Übergriffen der adligen Gutsbesitzer, der sogenannten „Schleijunker“. Diese stellten mitten in der Schlei illegal Heringszäune und Pfähle auf, machten den Fischern das verbriefte Recht auf freie Uferbenutzung streitig und hinderten die Holmer oft mit Gewalt daran, auf ihren Ländereien die Netze zu trocknen und das Nachtlager aufzuschlagen. Vielfach nahmen sie den Fischern auch den gesamten Fang ab.

Luftaufnahme der Fischersiedlung Holm in Schleswig an der Schlei. Das Bild entstand kurz nach Sonnenaufgang. An den Brücken sind die offenen Motorboote der Holmer Fischer zu erkennen.
 Fischersiedlung Holm in Schleswig an der Schlei: Luftaufnahme der Uferzone. Das Bild entstand kurz nach Sonnenaufgang. An den Brücken sind die offenen Motorboote der Holmer Fischer zu erkennen. © Holger Rüdel

Fischergesellschaft und Fischerzunft

Zum Schutz vor all diesen Bedrohungen ihrer Existenz schlossen sich die Holmer Fischer 1765 zu einer Fischergesellschaft zusammen, aus der später die Fischerzunft hervorging. Sie besteht noch heute als Interessengemeinschaft der Berufsfischer auf dem Holm. Und doch ist die Welt der Fischer in diesem kleinen Teil der Stadt Schleswig längst nicht mehr in Ordnung.

Wurden noch um das Jahr 1900 120 hauptberufliche Fischer auf dem Holm gezählt, waren es 90 Jahre später nicht einmal 20. Dennoch herrschte damals Optimismus: „In der Schlei sind heutzutage so viele Fische, dass wir sie gar nicht alle fangen können“, erklärte seinerzeit Harald Ross, der 1. Ältermann der Fischerzunft. „Es könnten sogar gut vier bis fünf Fischer mehr auf dem Holm sein“, ergänzte er.

1989 versammelten sich alle Mitglieder der Holmer Fischerzunft in Schleswig für dieses Gruppenbild. Ganz rechts: Harald Ross, der 1. Ältermann. Mit der Hand an der historischen Zunftfahne: Jörn Ross. Fünfter von rechts: Matthias Nanz.
1989 versammelten sich alle Mitglieder der Holmer Fischerzunft in Schleswig für dieses Gruppenbild. Ganz rechts: Harald Ross, der 1. Ältermann. Mit der Hand an der historischen Zunftfahne: Jörn Ross. Fünfter von rechts: Matthias Nanz. © Holger Rüdel

Diese Zuversicht erfüllte sich indes nicht. Nur noch fünf Aktive sind heute neben drei Senioren in der Holmer Fischerzunft registriert. Und mehr denn je kämpfen diese wenigen Haupterwerbsfischer um ihre Existenz. Zwar mag sich die Wasserqualität in den vergangenen Jahren verbessert haben, aber die Nährstoffeinträge sind nach wie vor zu hoch, um der Schlei das Gütesiegel „gesundes Gewässer‘“ verleihen zu können. 

Als neue, vor 30 Jahren kaum vorhersehbare Gefahr bedroht zudem der Klimawandel das komplexe, einzigartige Ökosystem der Schlei – und damit auch die Fischerei. Das massenhafte Auftauchen gefährlicher invasiver Arten wie Rippenquallen und Schwarzmundgrundeln ist Teil dieses unheilvollen Prozesses. Und dann gibt es – mehr denn je – die “schwarze Pest”, wie manche Fischer die Kormorane nicht eben liebevoll bezeichnen.

 

„Zeitenwende. Die Fischer vom Holm in Schleswig an der Schlei“

Meine Langzeit-Reportage begann im Frühjahr 2019 und endete im Dezember 2020. Weit über 10.000 Aufnahmen sind in diesem Zeitraum entstanden. Zusammengezählt zwei Wochen habe ich die Fischer auf dem Wasser begleitet und darüber hinaus etliche Stunden an Land.

Jan Lorenz Fischer, Fischer im Ruhestand. Ab und zu fährt Jan Lorenz Fischer in seinem Boot immer noch gerne zum Fischen auf die Schlei hinaus – ganz entspannt, denn er steht ja nicht mehr unter Erfolgsdruck.
Jan Lorenz Fischer, Fischer im Ruhestand. Ab und zu fährt Jan Lorenz Fischer immer noch gerne zum Fischen auf die Schlei hinaus – ganz entspannt, denn er steht ja nicht mehr unter Erfolgsdruck. © Holger Rüdel

Dabei hatte ich manche der Fotografien vor Augen, die ich vor 30 Jahren auf dem Holm gemacht habe, darunter das Gruppenbild der Fischerzunft im Herbst 1989. An fast der gleichen Stelle entstanden im Oktober 2020 die hier veröffentlichten Aufnahmen mit den Zunftmitgliedern in der aktuellen Besetzung.

Nicht immer, aber oft sagen Fotografien mehr als tausend Worte. Die Gruppenbilder von 2020 gehören in diese Kategorie. Sie zeigen im Vergleich zu der Aufnahme von 1989 schlaglichtartig, wie dramatisch es um die Berufsfischerei auf dem Holm personell bestellt ist. 

Im Oktober 2020 versammelten sich die aktiven und nichtaktiven Mitglieder der Holmer Fischerzunft mit ihrer historischen Fahne zu diesem Gruppenbild. Von links: Jörg Nadler, Karl Wolff, Nils Ross, Matthias Nanz, Christian Ross, Jan Lorenz Fischer und Jörn Ross. Es fehlt der Senior-Fischer Ulrich Przyborowski.
31 Jahre später: die Mitglieder der Holmer Fischerzunft mit ihrer historischen Fahne. Von links: Jörg Nadler, Karl Wolff, Nils Ross, Matthias Nanz, Christian Ross, Jan Lorenz Fischer und Jörn Ross. Es fehlt Ulrich Przyborowski. © Holger Rüdel

Die Fotografien dokumentieren zugleich aber auch die Würde und den Stolz der Schleswiger Fischer. Sind sie die letzten Vertreter ihrer Art? Vielleicht reicht die Zeit, um eine Wende einzuleiten und das Überleben der Fischerei an der Schlei zu sichern. Die Zukunft wird es zeigen.

Jan Philipp Albrecht, der Umwelt- und Fischereiminister des Landes Schleswig-Holstein, ist Schirmherr dieses Projektes, das 2021 unter dem Titel “Zeitenwende. Die Fischer vom Holm in Schleswig an der Schlei” in zwei Ausstellungen – in Schwarzweiß und in Farbe – präsentiert wird. Eine begleitende Publikation mit 100 Fotografien erscheint Anfang April dieses Jahr. 

 

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