Mit Fischer Ross auf der Schlei. Die Wade

Der Schleswiger Fischermeister Jörn Ross beim Einholen eines Wadennetzes auf der Kleinen Breite der Schlei. Höchste Konzentration ist gefragt. Jeder Griff muss sitzen.
Fischer Jörn Ross beim Einholen eines Wadennetzes auf der Kleinen Breite der Schlei. Höchste Konzentration ist gefragt. Jeder Griff muss sitzen. © Holger Rüdel

Ein schöner Abend an der Schlei im Frühsommer 2020. Ich bin mit Jörn und Nils Ross verabredet. Jörn Ross ist der 1. Ältermann der Holmer Fischerzunft in Schleswig und „Oberhaupt“ einer Familie, die bereits seit vielen Generationen die Fischerei auf der Schlei betreibt. Nils, der älteste Sohn, und sein Bruder Christian sind in die Fußstapfen von Vater Jörn getreten und stehen ihm als Jungfischer zur Seite.  

Wadenfischerei auf der Schlei einst und jetzt

Während Christian Ross am liebsten mit dem Kutter SCHLE 26 von Kappeln auf die Ostsee hinausfährt, fischen Jörn und Nils meistens gemeinsam auf der Schlei. Sie bevorzugen eine Fangtechnik, die bereits im Mittelalter betrieben wurde: die Wadenfischerei.

Die Wade, in der Fischersprache „Woi“ genannt, ist ein großes, U-förmiges Zugnetz mit einem in der Mitte angebrachten Fangsack („Hamen“). Diese Konstruktion mit einer gewaltigen Länge von 150 Metern oder mehr pro Flügel plus Tauwerk kann ein Fischer natürlich nicht allein handhaben. Dazu braucht es einen Partner, am besten auf einem zweiten Boot.  

Der Fischer Harald Ross (im rechten Boot) und Sohn Jörn beim Einholen eines Wadennetzes 1989 auf der Kleinen Breite der Schlei. Im Hintergrund ist die später abgerissene Schleswiger Zuckerfabrik zu erkennen.
Fischer Harald Ross (im rechten Boot) und Sohn Jörn beim Einholen eines Wadennetzes 1989 auf der Kleinen Breite der Schlei. Im Hintergrund ist die später abgerissene Schleswiger Zuckerfabrik zu erkennen. © Holger Rüdel

Früher, als auf dem Holm noch Dutzende Fischer aktiv waren, gab es Wadengemeinschaften mit acht Männern an Bord auf entsprechend großen Kähnen („Woi-Kahn“). Dieses Kollektiv stand unter der Führung eines aus der Mitte gewählten „Schippers“ und bildete eine aufs engste verbundene Partnerschaft. Nicht nur bei Wind und Wetter, sondern auch beim späteren Verkauf des Fangs und beim Verteilen des Erlöses. 

Wadenfischer gehörten lange Zeit zur „Fischeraristokratie“ auf dem Holm. Bis 1900 durften nur sie Mitglied in der Zunft sein, von der die Klein- und Stellnetzfischer ausgeschlossen blieben.

 

Als die Zahl der Holmer Berufsfischer immer weiter zurückging, endete auch die Fischerei mit großen Wadenbooten und je acht Mann Besatzung. Das war Anfang der 1970er Jahre. Seitdem individualisierte sich die ursprünglich kollektive Fischerei. Und damit auch die Wadentechnik, die jetzt mit zwei Fischern in je einem kleinen Motorkahn betrieben wird.

Mit Jörn und Nils Ross auf der Schlei

Jörn Ross und seine Söhne sind die einzigen Fischer auf dem Holm, die noch mit einer Wade arbeiten. „Chef“ Jörn setzt damit eine lange familiäre Tradition fort, denn er fischte schon gemeinsam mit seinem Vater Harald per Zugnetz. Jörg Nadler und Matthias Nanz, die anderen aktiven Kollegen aus der Holmer Fischerzunft, sind „Einzelkämpfer“ und arbeiten deshalb nicht mit der Wadentechnik.  

An diesem ruhigen Frühsommerabend holen mich Jörn und Nils in Fahrdorf ab. Ich steige zunächst in das Boot des erfahrenen Ältermannes, später in den Kahn von Jungfischer Nils. So kann ich beide Akteure optimal in Aktion porträtieren und das Wadenfischen zu zweit auf der Kleinen Breite der Schlei dokumentieren.

Die Wade ist ein großes Zugnetz, das in der Regel von zwei Booten gleichzeitig ausgebracht wird. Nach einem gefahrenen Kreis treffen sich beide Fischerkähne am Ufer wieder, um das Netz einzuholen. Hier fährt Nils Ross, Fischer aus Schleswig, die Kreisrunde, während Vater Jörn im zweiten Boot in die entgegengesetzte Richtung steuert.
Die Wade ist ein großes Zugnetz, das in der Regel von zwei Booten gleichzeitig ausgebracht wird. Nach einem gefahrenen Kreis treffen sich beide Fischerkähne am Ufer wieder, um das Netz einzuholen. Hier fährt Nils Ross, Fischer aus Schleswig, die Kreisrunde, während Vater Jörn im zweiten Boot in die entgegengesetzte Richtung steuert. © Holger Rüdel

Mich beeindruckt, wie leicht und selbstverständlich die einzelnen Arbeitsschritte den beiden Fischern von der Hand gehen: Das Ausbringen und Einholen des großen Netzes verläuft nahezu geräuschlos und perfekt synchronisiert, obwohl die Bootsführer oft ein ganzes Stück getrennt agieren.  

Der erste Schritt ist immer das Ausbringen des Fangsacks, der an zwei Schwimmern hängt. Jedes Boot hat einen Teil der Wade an Bord und fährt im nächsten Schritt in einem großen Halbkreis Richtung Land. Wenn der Kreis geschlossen wurde, treffen sich beide Fischerkähne am Ufer wieder. Jetzt geht es um das Einholen der Wade, bei der die beiden Fischer eine Motorwinde auf ihrem Boot zum Einsatz bringen. Langsam, Meter um Meter, wird das Netz an Bord gezogen. Die Spannung steigt. Wie viel Beute mag dieses Mal im Fangsack stecken? Hat sich der Aufwand gelohnt? 

Ein ausgelegtes Wadennetz wie hier auf der Kleinen Breite der Schlei ist eine Konstruktion mit einer Länge von 150 Metern oder mehr pro Flügel plus Tauwerk.
Ein ausgelegtes Wadennetz wie hier auf der Kleinen Breite der Schlei ist eine aufwendige Konstruktion mit einer Länge von 150 Metern oder mehr pro Flügel plus Tauwerk. © Holger Rüdel

Wadenfischen bis zum Morgengrauen

Nach zwei Wadenzügen, die ich mit der Kamera beobachten konnte, bringen mich die beiden Fischer bei Einbruch der Dunkelheit zurück nach Fahrdorf. Ich frage Jörn Ross, ob er mit dem bisherigen Ertrag des Abends zufrieden ist. „Das sieht gut aus für den Anfang. Anscheinend hast du uns Glück gebracht. Ein Grund, dich wieder mitzunehmen!“

 

Und schon verlassen die beiden Kähne den Anleger und verschwinden in der Dunkelheit. Erst am Morgen werden Jörn und Nils Ross von dieser Fangfahrt auf der Schlei zum Holm zurückkehren und die Ausbeute ihrer Wadenzüge entladen.

Die Aufnahmen entstanden im Rahmen der Bildreportage “Zeitenwende. Die Fischer vom Holm in Schleswig an der Schlei”. Jan Philipp Albrecht, der Umwelt- und Fischereiminister des Landes Schleswig-Holstein, ist Schirmherr dieses Projektes, das 2021 in zwei Ausstellungen gezeigt wird. 

 

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