Fische im Aquarium – artgerecht?

Der Atlantikpark, westlich der norwegischen Stadt Ålesund gelegen, ist eines der größten Salzwasser-Aquarien Nordeuropas. Die Meeresfische in den Becken beeindrucken vor allem Kinder wie dieses kleine Mädchen. © Holger Rüdel
Der Atlantikpark, westlich der norwegischen Stadt Ålesund gelegen, ist eines der größten Salzwasser-Aquarien Nordeuropas. Die Meeresfische in den Becken beeindrucken vor allem Kinder wie dieses kleine Mädchen. © Holger Rüdel

Dieses Foto entstand im „Atlantikpark“, einem der größten Salzwasser-Aquarien Nordeuropas, westlich der norwegischen Stadt Ålesund direkt am Meer gelegen. Die Einrichtung beeindruckt mit elf großen Landschaftsaquarien, zwei offenen Schaubecken, einem Tiefsee-Aquarium, vielen kleineren Aquarien und dem neuen Seehundbecken im Außenbereich. Etwa 130.000 Gäste zählt der Atlantikpark jährlich.

Natürlicher Lebensraum im Aquarium?

Können Meerestiere, eingesperrt in einem Aquarium, „einen natürlichen Lebensraum“ genießen und ein „Lebensgefühl wie in der Wildnis“ entwickeln, wie es in der Werbung für den Atlantikpark heißt? Man mag diese Aussagen glauben, wenn man für einige Stunden in die inszenierten Unterwasserlandschaften dieser Einrichtung oder anderer, ähnlich gut gestalteter Aquarien zum Beispiel auch in Deutschland eingetaucht ist. 

„Fische gehören nicht ins Aquarium“ (Robert Marc Lehmann)

Vermitteln die großen Aquarien dieser Welt also ein authentisches Bild der maritimen Flora und Fauna, noch dazu unter artgerechten Bedingungen? Nein, sagt der Meeresbiologe, Forschungstaucher und Umweltexperte Robert Marc Lehmann, dessen Fotoausstellung „Abenteuer extrem. Die Welt ist es wert, um sie zu kämpfen“ im Herbst 2017 in Flensburg in der nos.FOTOMENTA der Nord-Ostsee Sparkasse zu sehen war. 

Der Atlantikpark, westlich der norwegischen Stadt Ålesund gelegen, ist eines der größten Salzwasser-Aquarien Nordeuropas. Die Meeresfische in den Becken beeindrucken vor allem Kinder wie dieses kleine Mädchen.
Die Meeresfische im Aquarium Atlantikpark beeindrucken vor allem Kinder wie dieses kleine Mädchen. Doch welche Erkenntnisse nehmen die jungen Gäste mit nach Hause? © Holger Rüdel

In einem Interview mit den Bloggern von ozeankind.de sagte er: „Was ist denn artgerecht? Artgerecht ist am Ende nur die Freiheit. Egal ob Dorie, Haie oder Wale – diese Tiere schwimmen hunderte und tausende Kilometer in ihrem Leben, haben ihre eigenen Reviere. So etwas kann man in einem Aquarium, egal wie groß es ist, nicht nachstellen. Ich mag dieses Wort ‚artgerecht‘ schon nicht – nimm als Beispiel mal ein Schwein – dieses gilt in Deutschland als ‚artgerecht‘ gehalten, wenn es 1 qm Platz hat. Selbst die typischen Süßwasserfische, die zwar im Gegensatz zu ihren Verwandten im Salzwasser fast alle kommerziell gezüchtet werden können, gehören in Seen und Flüsse, aber nicht ins Aquarium.“

Und weiter erklärte er:  „Das Konzept eines Aquariums besteht seit Tausenden von Jahren: Man sperrt Tiere ein zur Unterhaltung. Es geht hier nicht um Bildung oder das Wecken von irgendwelchem Bewusstsein. Es gibt Studien, die besagen, dass ein Kind im Schnitt 11 Sekunden vor einer Aquariumscheibe steht. Was kann denn ein Kind in 11 Sekunden über einen Hai lernen? Das Kind sieht, wie ein Hai im Kreis schwimmt – aber lernt es, wie es um den Haischutz steht, weiß es jetzt, dass die Meere bedroht sind, dass den Haien die Flossen abgetrennt werden? Und wie viele Kinder gehen aus dem Aquarium raus und beschließen, Tierschützer zu werden, weil sie finden, dass Haie nicht in ein Aquarium gehören?“

Virtuelle Aquarien als Zukunftsmodell?

„Es klappt viel besser mit anderen Konzepten“, ergänzte Lehmann. „Indem du den Kindern Geschichten darüber erzählst, indem du kindgerechte Vorträge hältst, die neuen Medien nutzt, YouTube, Instagram, indem du ihnen Bilder zeigst, Fotos oder Videos. Es gibt mittlerweile Zoos und Aquarien auf der Welt, in dem nicht ein einziges echtes Tier lebt – dank moderner Techniken wie z. B. 3D-Animationen und Hologrammen. Auch in Deutschland bauen wir zurzeit ein Aquarium dieser Art.“

„National Geographic Encounter“, das größte und modernste virtuelle Aquarium der Welt, startete im Oktober 2017 in unterirdischen Räumen am Times Square in New York. Auf über 5.500 Quadratmetern können Lebewesen der Meere, darunter Buckelwale, Delfine und Humboldt-Kalmare, auf großen Bildschirmen beobachtet werden. Die Schau enthält auch interaktive Elemente. So lassen sich lumineszierende Korallen per Handbewegung zum Leuchten bringen und virtuelle Seelöwen dazu animieren, Kunststücke aufzuführen.

Ist das die wirklich „artgerechte“ Zukunft für die großen Aquarien dieser Welt?

 

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