Gezeitenwechsel. Reet an der Westküste

Reet gehört seit Jahrhunderten zur Architektur der nordfriesischen Küstenregion. Es prägt das Erscheinungsbild vieler Höfe und Häuser, verbindet Landschaft und Baukultur und steht für eine Handwerkstradition, die bis heute fortgeführt wird.
Die Arbeit mit dem Material beginnt weit draußen in den Reetflächen – und endet auf den Dächern der Gebäude. Dieser Beitrag zeigt zwei Seiten eines Handwerks, das die Identität der Region bis in die Gegenwart trägt.

Reetgewinnung auf Sylt – Winterarbeit im Küstenwind
Reetgewinnung war einst Teil der bäuerlichen Selbstversorgung. Heute ist sie ein seltenes Nebenerwerbshandwerk, das unter Flächenverlust, Importdruck und veränderten Klimabedingungen steht. Dennoch sichern die einheimischen Reetbauern ein regionales Baumaterial, das für die Küstenarchitektur unverzichtbar bleibt. Ihre Arbeit verbindet Landschaftspflege, Tradition und die Versorgung eines Handwerks, das ohne gutes Material nicht bestehen kann.
Holger Schultz auf Sylt gehört zu den wenigen Reetbauern, die an der Westküste noch ernten. Die Arbeit ist für ihn eine zusätzliche Tätigkeit – heute vor allem aus Verbundenheit zur Landschaft und zum Material.
Geerntet wird im Winter, wenn die Halme fest geworden sind und Frost den sumpfigen Boden begehbar macht. Dann setzt Holger Schultz seine in Eigenregie umgebaute Reetschneidemaschine ein, die das Schilf nicht nur schneidet, sondern auch zu Bündeln formt und verschnürt.

Das Manövrieren mit der schweren Maschine ist anstrengend – erst recht, wenn bei zweistelligen Minusgraden ein scharfer Ostwind über die Fläche zieht, wie ich es bei meinem Besuch im vergangenen Februar erlebt habe.
Warum sich ein nebenberuflicher Reetbauer eine solche Herausforderung freiwillig antut? Für Holger Schultz ist die Antwort einfach: Er arbeitet gerne draußen, und er schätzt Reet als natürlichen Rohstoff, der seit Jahrhunderten zur Baukultur der Küste gehört.

Reetdachdeckerei in Risum‑Lindholm – Bauprojekt Andersen‑Hüs
Die Reetdachdeckerei – seit 2014 als immaterielles Kulturerbe Deutschlands anerkannt – gehört zu den ältesten Bauhandwerken. Ihre Wurzeln reichen auch in Nordfriesland weit zurück, und bis heute prägt sie das Erscheinungsbild vieler Höfe und Häuser an der Küste. In Deutschland gibt es rund 300 Reetdachdeckereien, die zusammen etwa 50.000 Reetdächer betreuen.
Einer der führenden Betriebe in Nordfriesland ist die Firma Sönke Bartlefsen in Risum‑Lindholm. Verarbeitet wird sowohl importiertes Reet als auch das knappe einheimische Material – darunter Reet von der Westküste, wie beim Bauprojekt Andersen‑Hüs im Herbst 2025.
Das über 300 Jahre alte Bauernhaus der Familie Andersen ist heute Museum und Kulturzentrum. Bei der Sanierung wurde eine Dachseite erneuert. Die Bilder von diesem Bauprojekt zeigen den eingespielten Ablauf der Reetdachdeckerei, die nur im professionellen Team funktioniert: Bündel für Bündel wird aufgebracht, präzise ausgerichtet und sicher befestigt, bis die Decklage ihre charakteristische Struktur erhält.

Die Arbeit auf der Reetfläche und auf dem Dach verbindet Landschaft, Material und traditionelles handwerkliches Können. Damit dieses Wissen erhalten bleibt, braucht es engagierte Menschen, die es weitergeben.
Die Fotografien zu den Themen Reeternte und Reetdachdecken sind Teil meines Langzeitprojekts Gezeitenwechsel und werden in der kommenden Ausstellung und im begleitenden Buch zu sehen sein.