Nova Scotia. Spuren der Fischerei

Entlang der Küsten von Nova Scotia, im Osten von Kanada, finden sich Spuren eines Handwerks, das über Generationen das Leben der Gemeinden geprägt hat. Manche dieser Spuren sind lebendig, andere wirken wie Relikte aus einer fernen Welt. Wer heute durch die kleinen Orte an der Eastern Shore fährt, sieht nicht nur die Schönheit der Landschaft, sondern auch Zeichen eines tiefgreifenden Wandels in der Küstenfischerei – oft unspektakulär, aber von großer Bedeutung.
Das Wrack am Hafen von Marie Joseph als Symbol
Am Rand des kleinen Hafens von Marie Joseph, einem abgelegenen Ort an der Eastern Shore von Nova Scotia, liegt ein aufgegebenes Arbeitsboot, dessen Rumpf langsam von der Küstenvegetation überwuchert wird. Das Bild entstand mit infraroter Aufnahmetechnik und löst das Motiv aus der Gegenwart, legt eine Schicht von Erinnerung darüber. Im Hintergrund sind Strukturen des Hafens zu erkennen – Hallen, Stege, Gerätschaften –, die einst Teil einer alltäglichen Arbeitswelt waren. Heute wirken sie ruhiger, weniger belebt, als warteten sie auf eine Zukunft, die ungewiss geworden ist.
Dieses Boot erzählt keine dramatische Geschichte. Es erzählt eine alltägliche: von Betrieben, die schließen; von Familien, die ihre Boote verkaufen; von Fangquoten, die sich verändern; von Beständen, die zurückgehen. Es ist ein stilles Symbol für einen Strukturwandel, der nicht abrupt geschieht, sondern in einer langsamen, oft kaum wahrnehmbaren Bewegung.

Die Fischerei an der Ostküste Kanadas im Umbruch
Die Küstenfischerei in Atlantik‑Kanada erlebte in den vergangenen Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen. Der Zusammenbruch der Kabeljau‑Bestände in den 1990er Jahren war ein Einschnitt, dessen Folgen bis heute spürbar sind. Viele kleine Betriebe konnten sich nicht halten, andere mussten ihre Fangmethoden anpassen oder sich auf neue Arten konzentrieren.
Vor diesem Hintergrund hat sich die küstennahe Fischerei in vielen Regionen Nova Scotias und Neufundlands stark auf den Hummerfang verlagert. Für zahlreiche kleine Betriebe ist er heute die wichtigste wirtschaftliche Grundlage – oft die einzige, die verlässlich trägt.
Damit hat sich die wirtschaftliche Struktur vieler Gemeinden verschoben: weg von einer vielfältigen Fischerei, hin zu einem stark saisonal geprägten Hummerfang sowie ergänzenden Tätigkeiten in Tourismus und Dienstleistungen. Dieser Wandel zeigt sich nicht nur in Statistiken, sondern in der Landschaft selbst – in aufgegebenen Booten, stillgelegten Stages, alternden Docks und einer Infrastruktur, die nicht mehr vollständig genutzt wird.

Spuren in der Landschaft – Norris Point/Neddies Harbour
Auch in Neufundland, rund um Norris Point und Neddies Harbour, finden sich ähnliche Zeichen. Kleine Boothäuser, schmale Stege, Trockengestelle – funktionale Architektur, die über Jahrzehnte den Rhythmus der Fischerei bestimmt hat. Heute wirken manche Orte wie verlassen, als hätten sie einen Schritt zurück in die Vergangenheit gemacht. Die Infrarotaufnahme verstärkt diese Wahrnehmung: Himmel und Wasser erscheinen verdichtet, die Strukturen klar und zeitlich entrückt.

Parallelen zu Europa – Verbindung zu Zeitenwende
Die Beobachtungen entlang der Atlantikküste Kanadas erinnern an Entwicklungen, die ich in meinem Projekt Zeitenwende dokumentiert habe: den Rückgang der traditionellen Fischerei an der Schlei mit den letzten Fischern vom Holm. Auch dort sind es die stillen Zeichen, die den Wandel sichtbar machen: Boote, die nicht mehr auslaufen; Netze, die nicht mehr täglich genutzt werden; Orte, deren Rhythmus sich verändert hat.
Diese Parallele ist nicht konstruiert, sondern real: Küstenfischerei ist vielerorts ein Handwerk im Rückzug – in Europa wie an der Ostküste von Kanada.
Aufnahmegerät (Nova Scotia/Neufundland): Nikon D700, für die monochrome Infrarot-Fotografie (Wellenbereich 830 nm) modifiziert. Objektiv: AF-S Nikkor 16-35 mm 1:4G ED VR.
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