Island. Stuðlagil

Im Osten von Island strömt der Gletscherfluss Jökla durch eine Schlucht, die mit ihren gleichförmigen, senkrecht aufragenden Basaltsäulen wie ein Kunstwerk von Menschenhand wirkt. Der Canyon Stuðlagil wurde erst 2016 entdeckt.
Im Osten von Island strömt der Gletscherfluss Jökla durch eine Schlucht, die mit ihren senkrecht aufragenden Basaltsäulen wie ein Kunstwerk von Menschenhand wirkt. Der Canyon Stuðlagil wurde erst 2016 entdeckt. Die Aufnahme entstand im Licht eines späten Nachmittags. © Holger Rüdel

Stuðlagil im Osten von Island – eine Schlucht wie aus einer anderen Welt.

Nahezu unfassbar, aber wahr: Dieser Canyon im Tal des Gletscherflusses Jökla wurde erst 2016 entdeckt. Was ihn so außergewöhnlich macht, ist die Schönheit der senkrecht aufragenden, gleichmäßig geformten Basaltsäulen in seinem schmalen Kernbereich. Man mag kaum glauben, dass hier ausschließlich die Natur als Baumeister tätig war und keine ergänzende kreative Hand.

Und doch bildete menschlicher Einfluss die Schlüsselrolle bei der Entdeckungsgeschichte dieser Basaltsäulenschlucht. 

Stuðlagil – ein neues Juwel in der Landschaft von Island als Folge eines Eingriffs in die Natur

Dem isländischen Bildjournalisten und Tourismusmanager Einar Páll Svavarsson gebührt das Verdienst, die Ästhetik von Stuðlagil als erster erkannt zu haben. Über diese Pionierleistung schreibt er auf seiner Website: 

Als ich Anfang August 2016 Stuðlagil besuchte, war fast niemand dort gewesen. Ich studierte den Ort gründlich, sprach mit Einheimischen und las Artikel, um zu verstehen, warum noch niemand diesen einzigartigen Ort entdeckt hatte: Es war dem großen Damm und Stausee zu verdanken, die im Hochland südlich des Canyons und seiner Heimat, dem Tal Jökuldalur, errichtet wurden. Der Damm und das Wasserkraftprojekt hatten den Gletscherfluss Jökla, den zweitgrößte Fluss Islands, in ein anderes Tal verlegt, und der Fluss wurde später zu einem kleineren Sammler von Quellbächen. Dies veränderte nicht nur die Farbe des Flusses, sondern senkte vor allem auch den Wasserspiegel und enthüllte die Basaltsäulen, die seit Jahrhunderten verborgen waren.

Im Osten von Island strömt der Gletscherfluss Jökla durch eine Schlucht, die mit ihren Basaltstrukturen wie ein Kunstwerk von Menschenhand wirkt. Der Canyon Stuðlagil wurde erst 2016 entdeckt.
Ein Blick aus größerer Höhe auf den Canyon Stuðlagil an einem Vormittag © Holger Rüdel

Das von Einar Páll Svavarsson erwähnte Kárahnjúkar-Staudammprojekt und das gleichnamige Kraftwerk waren und sind in Island übrigens höchst umstritten. Für umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro wurde der mächtige Staudamm 2006 im isländische Hochland errichtet  – ausschließlich zur Stromproduktion für ein gigantisches Aluminiumwerk des US-Konzerns Alcoa im ostisländischen Küstenort Reyðarfjörður.

Trotz einer der größten Demonstrationen in der isländischen Geschichte konnte die Umweltbewegung den Bau nicht verhindern. Die Akteure des Protestes warnten vor tiefgreifenden Veränderungen zu Lasten der Natur und der Lebensqualität der Bevölkerung. Dass aus diesem befürchteten oder eingetretenen Umweltdesaster schließlich der Basalt-Canyon Stuðlagil wie ein Phönix aus der Asche aus den Fluten der Jökla emporstieg, ist eine überraschende – und erfreuliche – Randerscheinung des weiterhin schwelenden Konflikts.   

 

Die Schönheit von Stuðlagil als fotografische Herausforderung

Kaum ein anderes Land auf der Welt bietet auf einer so überschaubaren Fläche wie Island eine derart große Fülle an Schätzen der Natur. Stuðlagil ist zweifellos der neue Star unter den Top-Adressen der zahlreichen landschaftlichen Attraktionen Islands.

Doch einen derart heftigen Ansturm von Touristen aus aller Welt, wie ihn vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie viele Highlights des Landes erlebten, dürfte es bei dem magischen Basalt-Canyon nicht geben. Dazu ist Stuðlagil, etwa 70 km von der Stadt Egilsstaðir entfernt, einfach zu abgelegen und ohne die erforderliche Infrastruktur für Besuchermassen.

 

In die Nähe der Schlucht gelangt man mit einem Fahrzeug nur über eine schmale Schotterpiste. Um den Canyon von Stuðlagil in seiner ganzen Schönheit zu erleben – und nicht nur mit einem Blick aus der Ferne -, muss man von dem provisorischen Parkplatz bei der Farm Klaustursel eine 4 km lange Wanderung auf einem nicht markierten, teilweise schwierig begehbaren Weg entlang des Jökla-Ostufers in Kauf nehmen und dabei zwei Wasserläufe überwinden.

Am Ende dieses Pfades öffnet sich dann endlich das großartige Panorama des Canyons. Aber Achtung: Die türkisblaue Färbung des Flusses ist abhängig von der Witterung. Nach Regenfällen oder in der Zeit der Schneeschmelze wird das Wasser trübe und braun. Doch auch diese Situation kann fotografisch spannend sein.

Stuðlagil mit der Drohne erkunden

Das folgende kurze Video, aufgenommen mit einer Hasselblad L1D-20c (DJI Mavic 2 Pro), zeigt einen Flug durch die Schlucht in beide Richtungen:

 

Die Basaltformationen von Stuðlagil werden in ihrer Ästhetik und Mächtigkeit erst dann vollends sichtbar, wenn man vom Rand der Schlucht zum Ufer der Jökla hinabsteigt und die Kamera parallel zu den Felswänden ausrichtet. Diese kurze Klettertour kann bei feuchter Witterung gefährlich sein, denn das Steilufer und der ufernahe Basalt sind dann extrem glitschig.

Im Osten von Island strömt der Gletscherfluss Jökla durch eine Schlucht, die mit ihren gleichförmigen, senkrecht aufragenden Basaltsäulen wie ein Kunstwerk von Menschenhand wirkt. Der Canyon Stuðlagil wurde erst 2016 entdeckt.
Der Canyon Stuðlagil im Licht eines späten Nachmittags. Hier befand sich die Kamera – eine Hasselblad L1D-20c (DJI Mavic 2 Pro) – an der schmalsten Stelle der Schlucht mitten zwischen den hoch aufragenden Basaltsäulen. © Holger Rüdel

Mit einer Drohne – deren Einsatz in Stuðlagil im Gegensatz zu anderen landschaftlichen Hot Spots in Island erlaubt ist – geht man diesen Problemen aus dem Weg. Und was hier mit einem bodengestützten Kamerasystem ausgeschlossen ist, wird mit einem fliegenden Gerät – am besten im Stativmodus – möglich: ein tiefer Standort knapp über den reißenden Fluten der Jökla und mitten zwischen den engen, hoch aufragenden Basaltwänden des Canyons.

So lassen sich Bilder einfangen, in denen die Magie dieses Ortes besonders spürbar wird.  

Die bodengestützten Fotografien entstanden mit einer Nikon Z7, alle Luftaufnahmen mit einer Hasselblad L1D-20c (DJI Mavic 2 Pro).

Dieser Beitrag leitet mehrere Berichte über mein Projekt “Island 2020” ein, bei dem ich überwiegend schwer zugängliche Ziele auf der Insel im Nordatlantik ansteuerte. Bestens bewährte sich bei dieser Reise der Hymer ML-T580, ein Allrad-Wohnmobil auf der Basis eines Mercedes Sprinter im Verleih von AllRoad Reisemobile in Chemnitz. 

Informationen über das Vorgängerprojekt “Island 2019” gibt es hier: holger-ruedel.de/ausstellungen/island-2019/

 

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